KUNSTVERMITTLUNGSPROGRAMM 2018

    

MONSIEUR MATISSE UND SEINE FLIEGENDE SCHERE

Henri Matisse zählt zu den bedeutendsten Künstlern der Klassischen Moderne und gilt als einer der Hauptvertreter des Fauvismus. In seiner letzten Schaffensphase schuf Matisse seine einzigartigen Scherenschnitte, die sogenannten „papiers découpés“. Dieses Verfahren bezeichnete er als „mit der Schere zeichnen“. In Sekundenschnelle fuhr er mit der Schneiderschere durch bunt eingefärbtes Papier und schuf auf diese Weise Abbilder von Früchten, Blumen, Blättern, Vögeln oder Frauenkörper in leuchtenden Farben und tanzenden Formen.

Der Scherenschnitt ist eine kreative Technik, die Kindern und Jugendlichen ein sehr gutes Gefühl für die Komposition, für Farben, Formen und Größen vermittelt. Durch das Bearbeiten des Papiers mit der Schere ergeben sich sowohl aus den verbleibenden Umrissen des ausgeschnittenen Papiers, als auch aus dem Ausgeschnittenen selbst interessante gestalterische Möglichkeiten. In unterschiedlicher Anordnung können beide Formen zu einer neuen Komposition zusammengefügt werden. So entstehen mit einfachen Mitteln fantasievolle Werke. Die Arbeiten von Henri Matisse bieten für diese Technik eine Vielzahl von Anregungen für alle Altersstufen.

Die Kulturinitiative Gmünd bietet auch zu dieser Ausstellung wieder drei verschiedene Packages für Kindergartengruppen und Schulklassen an. Im Rahmen des heurigen Kunstvermittlungsprogramms lernen die Kinder den Künstler Henri Matisse kennen und entdecken dabei die besondere Technik des Scherenschnittes. Nach dem Ausstellungsbesuch dürfen sie in der Kreativwerkstatt selbst „mit der Schere zeichnen“.

Durch das Experimentieren mit der Scherenschnitttechnik sammeln die Kinder und Jugendlichen praktische Erfahrungen im Umgang mit Material und Werkzeug. Durch das spontane Schneiden verschiedener Formen in Papier wird die Feinmotorik im Umgang mit Schere und Papier geschult, vor allem aber die visuelle Wahrnehmung durch eigene Überlegungen zur Anordnung von ausgeschnittenen Formen auf Papier gestärkt. Damit eröffnen sich neue, spannende Zugänge zur Kunst.

 

PACKAGE A:

MATISSE IN GMÜND

Ausstellungsbesuch

für Kinder und Jugendliche von 3 bis 18 Jahren

Geboten wird eine Führung durch die Ausstellung HENRI MATISSE mit speziell ausgebildeten KunstvermittlerInnen, die eine altersgerechte Einführung in das Leben und Werk Matisses` vermitteln und Einblick in die besondere Scherenschnitttechnik des französischen Meisters geben.

Dauer: ca. 1 Stunde

Kostenbeitrag pro Kind: € 5,00

 

 

PACKAGE B:

DIE FLIEGENDE SCHERE

Ausstellungsbesuch und Kreativwerkstatt

für Kindergartengruppen und Volksschulklassen

Nach einer Führung durch die Ausstellung HENRI MATISSE mit speziell ausgebildeten Kunstvermittlern, die eine altersgerechte Einführung in Leben und Werk Matisses` vermitteln und Einblick in die besondere Scherenschnitttechnik des französischen Meisters geben, dürfen die Kinder und in der Kreativwerkstatt selbst „mit der Schere zeichnen“. Mit buntem Papier und ausgeschnittenen Formen entstehen so eigene Scherenschnitt-Kunstwerke.

Dauer: ca. 2 Stunden

Kostenbeitrag pro Kind: € 9,00

 

 

PACKAGE C:

REISE MIT MATISSE

Ausstellungsbesuch und Kreativwerkstatt

für Kinder und Jugendliche ab der 5. Schulstufe

Nach einer Führung durch die Ausstellung HENRI MATISSE mit speziell ausgebildeten Kunstvermittlern, die eine altersgerechte Einführung in Leben und Werk Matisses` vermitteln und Einblick in die besondere Scherenschnitttechnik des französischen Meisters geben, dürfen die Kinder und Jugendlichen in der Kreativwerkstatt selbst „mit der Schere zeichnen“ und ihre eigene Welt à la Matisse aus buntem Papier schaffen. Als Themen kommen da etwa „Der Garten von Matisse“, „Unterwasserwelten“ oder „Mein Traum“ in Frage.

Dauer: ca. 2 Stunden

Kostenbeitrag pro Kind: € 9,00


 

WIE HENRI MATISSE ZUM SCHERENSCHNITT FAND

Als der Ausnahmekünstler Henri Matisse nach einer schweren Erkrankung ans Bett gefesselt ist, nimmt er sich Schere und Papier zur Hand und beginnt, Silhouetten auszuschneiden. Zuerst einen Vogel, dann immer neue Formen und Umrisse. Seine großformatigen, aus buntem Papier geschnittenen und geklebten Collagen sind ein Meilenstein der Kunstgeschichte und bannen noch heute mit ihren vibrierenden Farben und träumerischen Szenerien die Blicke der Betrachter.

Als Matisse Form um Form aus dem zunächst weißen Papier schnitt, musste er an seine Reise nach Tahiti denken. Die Scherenschnitte sahen aus wie die Vögel, die Fische und Algen, die er auf der Insel gesehen hatte. Seine Schere glitt durch das Papier, und er stellte sich vor, wie sich ein Vogel wohl beim Fliegen fühlt.

Schon bald waren die Wände seiner Wohnung mit ausgeschnittenen Pflanzen und Vögeln bedeckt. Man sah sie förmlich schwimmen und fliegen, nur fehlte das strahlende Blau des Himmels oder die dunkelblaue Tiefe des Meeres. Also machte er sich noch einmal an die Arbeit und klebte seine weißen Scherenschnitte auf Blätter, die er azurblau und marineblau bemalt hatte. Die Farbe machte seine Scherenschnitte lebendig, und so bat Matisse seine Assistentinnen, für ihn Papierblätter mit verschiedenen Farben zu bemalen – von Zinnoberrot über Zitronengelb bis Violett. Statt aus weißem Papier würde er die Formen nun aus farbigem Papier ausschneiden. Er setzte ein pinkfarbenes Baumblatt vor einen orangefarbenen Hintergrund und ein grünes vor einen schwarzen. Dann schnitt er Blätter aus anderen Farben aus und probierte unterschiedliche Hintergründe. Er experimentierte mit Farbharmonien und Kontrasten, versuchte herauszufinden, welche Farben zusammenpassten oder sich abstießen.

Das Wichtigste bei Farben sind die Beziehungen zwischen ihnen, dachte Matisse.

Matisse wusste genau, welche Farben er in seinem Bild miteinander kombinieren musste, um sie gegenseitig zum Strahlen zu bringen: Rot und Grün, Gelb und Violett, Blau und Orange, also jene Farben, die sich am stärksten voneinander unterscheiden und die als Komplementärfarben bezeichnet werden. Matisse schnitt und schnitt. Papierreste fielen zu Boden. Er merkte, dass jede Form, die er ausschnitt, eine neue Form entstehen ließ. Anstatt die Papierreste wegzuwerfen, fügte er sie nun seinem Werk hinzu. Von wegen Reste! Er arrangierte seine Formen zu alltäglichen Szenen, eine Frau in einem Zimmer mit einer Vase zum Beispiel, und er reduzierte alltägliche Dinge auf einfache Formen, die er dann zu Mustern zusammensetzte.

Zuerst waren seine Scherenschnitte sehr klein, dann wurden sie größer und noch größer, so groß wie die ganze Wand, bis sie schließlich alle Wände seines Ateliers bedeckten, sich um Ecken herum wanden und nicht einmal die Türen frei ließen. Nun, da er krankheitsbedingt nicht mehr aufstehen konnte, schuf er sich im Haus einen eigenen Garten, mit Früchten, Blumen, Blättern und Vögeln.


 

ETWAS ÜBER DEN SCHERENSCHNITT

Der Ursprung des Scherenschnittes liegt in China. Bereits Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus wurde dort Papier hergestellt und sehr schnell entwickelten sich erste Papierschnitte, welche mit Messern oder Scheren gefertigt wurden. Damals dienten diese Papierschnitte als Haarschmuck zu Festen, als Dekoration oder sogar als Schmuck und Grabbeilage von Verstorbenen. Später wurde der chinesische Papierschnitt zunehmend zu einer Volkskunst. Erst im 17. Jahrhundert gelangte dann die Technik des Scherenschnittes auch nach Europa. Als Material für den Scherenschnitt dient Papier jeglicher Art und Farbe sowie eine Schere.

Eine Schere ist ein wunderbares Werkzeug“, sagte Henri Matisse. „Statt eine Umrisslinie zu zeichnen und sie dann mit Farbe auszufüllen, zeichne ich direkt (mit der Schere) in die Farbe!“

 

KURZBIOGRAFIE VON HENRI MATISSE (1869-1954)

Henri Matisse wurde 1869 in Le Cateau-Cambrésis in Nordfrankreich geboren. Er studierte Rechtswissenschaften, verlegte sich jedoch auf die Malerei, als er sich von einer Blinddarmentzündung erholte. 1891 ging er nach Paris, wo Matisse an der Académie Julian Kunst studierte und Unterricht bei dem Maler Gustave Moreau nahm. Im Sommer der Jahre 1904 und 1905 begann er, im sonnigen Süden Frankreichs mit leuchtenden, sich beißenden Farben zu malen. Seine Bilder sorgen wegen ihrer bunten Regenbogenfarben und ihren vereinfachten Formen für große Aufregung. Später nannte man diesen Stil Fauvismus, Matisse und einige seiner Malerkollegen werden als fauves bezeichnet, was auf Französisch so viel wie „Wilde“ heißt.

In den folgenden Jahren begann Matisse, „Farben zu formen“, wie er es nannte. Bei einer Reise nach Marokko 1912 und 1913 machten das Licht, die arabische Architektur, Kleidung und Textilmuster des nordafrikanischen Landes großen Eindruck auf ihn und beeinflussten seine Malerei. Während seiner Nizza-Periode zwischen 1917 und 1930 malte er vor allem Frauen, Interieurs und Stillleben. 1930 reiste er nach Tahiti, wo ihn das besondere Licht und der Farbenreichtum der Korallenriffe begeisterten. Ab 1938 lebte Matisse in der Nähe von Nizza. In den 1930er und 40er Jahren arbeitete Matisse mehr und mehr mit Drucken, bis er in seinem letzten Lebensjahrzehnt Pionier einer neuen Kunstrichtung wurde: Mit den Scherenschnitten schuf er am Ende seiner Karriere sein womöglich radikalstes Werk. 1947 erscheint sein Künstlerbuch „Jazz“ mit zwanzig farbigen Scherenschnitten. Es wird zum berühmtesten Malerbuch des 20. Jahrhunderts. Mit 77 Jahren erfüllt sich ein Traum für Matisse: Er darf die Rosenkranzkapelle in Vence gestalten, die Glasfenster, die Wandbilder, die Altargeräte und selbst die Messgewänder. Er ist am Höhepunkt seiner Karriere. Henri Matisse stirbt 1954 im Alter von 84 Jahren.


UND NOCH EINE GESCHICHTE ÜBER HENRI MATISSE

Noch heute gibt es in Nizza, an der französischen Riviera-Küste, ein uraltes Haus mit Blick auf das Meer und einen wunderschönen Garten. In diesem Haus, so munkelt man, da ging vor vielen Jahren so einiges nicht mit rechten Dingen zu. Durch die Fenster und Türen drangen manchmal ungewöhnliche Geräusche und in der Nacht, wenn andere Leute schon lange schliefen, brannte meistens das Licht.

In diesem Haus lebte zu der Zeit ein alter Mann mit weißem Bart. Er hieß Henri Matisse. Als Matisse noch jung war, machte er eine Ausbildung als Anwaltsgehilfe. Eines Tages erkrankte er jedoch an einer Blinddarmentzündung und konnte einige Zeit nicht mehr arbeiten. Während dieser Zeit begann Matisse zu malen und zu zeichnen und entdeckte eine neue Leidenschaft: Die Kunst! Er war so begeistert vom Malen und Zeichnen, dass er sich entschied, seine Ausbildung als Anwalt zu beenden und in Zukunft nur noch als Künstler zu arbeiten.

Zunächst zeichnete und malte Matisse zahlreiche Gemälde. Das waren zum Beispiel Landschaften, Personen, Blumenvasen oder Gesichter. Doch nach einigen Jahren war Matisse das Malen und Zeichnen mit Pinsel und Bleistift nicht mehr genug. Er war auf der Suche nach etwas Neuem. Da machte er eines Tages eine wirklich tolle Entdeckung: Die Schere!

Matisse begann von nun an, seine Bilder mit der Schere zu zeichnen. Er brauchte keinen Bleistift und keinen Pinsel mehr. Er schnitt hunderte von Formen in farbigen Papierbögen – ganz wunderbare Formen: große, kleine, geschwungene, wellige, gekurvte, spitze, zackige, eckige, herzförmige, kreuzförmige. Er benutzte die Schere sozusagen als Bleistift und schnitt viele unterschiedliche Motive in das bunte Papier hinein. Besonders gern schnitt Matisse Motive, die er in der Natur entdeckte. Er erinnerte sich zum Beispiel an Reisen, die er früher ans Meer gemacht hatte, und zeichnete all das, was er dort gesehen hatte, mit der Schere. Er schnitt z.B. Algen, Seesterne und Fische. Oft wählte er auch verschiedene Formen aus der Pflanzenwelt, z.B. Blätter von verschiedenen Bäumen und Sträuchern. Dabei klapperte seine Schere in seinen Händen wie am Schnürchen und machte „SCHNIPP-SCHNAPP, SCHNIPP-SCHNAPP“. Matisse machte diese Arbeit so viel Spaß, dass er oft sogar in der Nacht arbeitete. Wenn Matisse genug Formen geschnitten hatte, klebte er sie auf ein großes Blatt und so entstand ein neues Bild aus vielen verschiedenen Motiven.

Matisse nannte seine Art der Kunst „Mit der Schere zeichnen“. Er schnitt direkt in die Farbe hinein, ohne vorher seinen Formen vorzuzeichnen. Auch später, als Matisse schon sehr alt war und viel Zeit im Bett verbrachte, konnte er weiterhin viele neue Bilder gestalten, denn mit der Schere konnte er zeichnen, ohne sich zu überanstrengen. Seine mit der Schere gezeichneten Bilder sind sehr bekannt geworden, und Matisse wurde durch sie berühmt.

 

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